Montag, 11. Mai 2015

Polizei: Ruhige Nacht - bis auf die "Feuchtgebiete"



Hier mein "Freizeitbereich"


Es war eine recht ruhige Nacht, in Lankwitz. Ich hatte nur drei Einsätze, zwei Blutentnahmen und eine Verwahrfähigkeitsuntersuchung. Dabei handelte es sich um einen jungen Mann, noch keine 20, o Gott... Weiß nicht, was der ausgefressen hatte. Wurde gebracht wegen Schmerzen in der Leiste. Dort fand sich ein Leistenbruch, nicht eingeklemmt, harmlos. Angeblich hat er schon einen OP-Termin. Ich gab ihm Ibuprofen und erklärte ihn für verwahrfähig. Er wurde auch nicht nochmals vorgestellt, also ist es gut gegangen. Heute kommt er wohl in Haft, von da aus kann man sich im Haftkrankenhaus um ihn kümmern.

Fast wichtiger als diese offiziellen Ereignisse war in dieser Nacht mein "Freizeitbereich". Einerseits hatte ich meine Mundharmonika dabei. Will dieses Hobby ebenfalls wieder etwas mehr pflegen.

Andererseits habe ich die Feuchtgebiete von Charlotte Roche komplett durchgelesen.

Der Hype um dieses Buch hatte mich eher genervt, das Thema oder das, was man so darüber gehört hat, eher abgestoßen. Wollte es mir nie zulegen. Nun war letzten (oder vorletzten) Montag die Film-Version im ZDF. Ins Kino wäre ich dafür nicht gegangen, da er hier aber kostenlos geboten wurde, dachte ich mir: kannst dir den Film ja mal ansehen.

Ich fand ihn: So la la. Nicht besonders aufregend, aber auch nicht langweilig. Klar gibt es diese ekligen Szenen darin, die schon mal ein innerliches "Igitt" auslösten. Geschockt war ich nicht, vielleicht ist man da als Mediziner doch einiges gewöhnt.

Nun wurde ich aber ein bisschen neugierig auf die literarische Vorlage, las darüber bei Wikipedia und besah mir die Rezensionen bei Amazon. Es gibt ja über 2300 davon, und demnächst kommt noch eine von mir dazu. Durchschnittliche Punktzahl 2,5, also genau die Mitte. Ich las mir ALLE durch (kleiner Scherz). Nein, ich sah mir einige mit einem Punkt an. Darin wird Frau Roche teilweise übelste heruntergemacht, eine Leserin empfiehlt ihr eine Psychotherapie. Unter den 5-Sterne-Beurteilungen bekam die Autorin höchstes Lob.

Insgesamt wurde ich immer neugieriger und lud mir das Werk auf den Kindle.

Wie so oft übertrifft die Vorlage den Film bei weitem. Es leuchtet mir oft nicht ein, wieso das Drehbuch unbedingt umgemodelt werden muss - warum bleibt man nicht bei einer 1:1-Darstellung? Klar kann man nie alles in 90 Minuten zeigen, was man in vier Stunden liest. Doch wieso muss man Dialoge von anderen Personen sprechen lassen, und wieso muss man komplett neue Szenen hineinnehmen. Man schafft es doch sowieso nicht, alle Buch-Szenen zu verarbeiten.

So watet die Protagonistin am Anfang des Films barfuß durch ein komplett versifftes Klo, in dem einige Zentimeter hoch verdrecktes Wasser steht. Kommt im Buch nicht vor. Erst dass sie mit ihrer Muschi die bespritzte Klobrille abputzt, das stimmt wieder. Dass sie aber anschließend eine Ratte aus der Jauche zieht und fortan als Haustier hält, steht nicht im Buch. Da wird also die Sensationsheischerei noch ein bisschen gesteigert.

Eine eingefügte Szene ist ein glattes Plagiat. Helen steht als Kind auf einer Mauer, die Mutter streckt ihr die Arme entgegen und fordert sie auf zu springen. Das tut sie fällt auf die Boden, weil Mama zur Seite geht. Ihr Kommentar: "Traue niemandem, auch nicht deinen Eltern. Besser du haust dir jetzt die Knie auf, als dass dir später dein Herz bricht."

Diese Szene hatte mir mit ungefähr achtzehn mein damals bester Freund Uli Strohmeyer  erzählt, nur handelte es sich um einen jüdischen Vater, der seinem Sprössling solche Lebensweisheiten vermitteln wollte.

Aber mit Plagiaten schein auch Frau Roche es nicht so ganz genau zu nehmen. Helen lässt sich komplett von einem Mann die Haare rasieren, Arme, Bein, Rumpf und natürlich auch die Scham. Ihr gefällt das. Nachdem alles ab ist, fragt sie: "Willst du mich jetzt ficken?" Er: "Nein, du bist mir zu jung." Diese Szene habe ich schon einmal gelesen oder gesehen. Nur hatte es sich nicht um eine Rasur, sondern um ein Tattoo gehandelt. Kann aber nicht mehr belegen, wo sie stand. Wäre für zweckdienliche Hinweise dankbar.

Gut, das sind die Kleinigkeiten. Das Buch hinterlässt schon einen Eindruck, mehr als der Film. Es funktioniert meines Erachtens auch nur, weil es von einer Frau geschrieben wurde. Ich kann es mir von einem männlichen Autoren einfach nicht vorstellen.

Ich würde am mich liebsten ein Stückchen in die Zukunft versetzen und rückschauend betrachten, was aus den kontroversen Diskussionen geworden ist. Was war Hildegard Knefs 1. Nacktszene für ein Aufreger, was wurden Günter Grass und Peter Handke angefeindet - und die Beispiele ließen sich endlos fortsetzen. Vielleicht wird Roche einmal der Nobelpreis verliehen, vielleicht wird sie aber auch klammheimlich aus der Literaturszene verschwinden. Ich halte beides für möglich.

Ohne Knef und Gras wäre ihr Werk sicher nicht möglich gewesen. Wie mussten wir als Kinder aufpassen, dass wir im Beisein von Erwachsenen nicht zufällig das Wort geil aussprachen. Das wäre eine Ohrfeige wert gewesen. Ficken hätte zum Ausstoß aus der Familie hinein in eine Besserungsanstalt geführt. Bei Arsch hätte es zumindest eine schwere Rüge gegeben. Heute fast normaler Sprachgebrauch, auch in der Hochliteratur.

Geil kommt bei Roche 34 mal vor, ficken 14 mal (das nette Bumsen gar nicht) und Arsch genau 100 mal. Keine Angst, ich habe die Wörter nicht angekreuzt und nachgezählt, die Suchfunktion im Kindle macht es einem da einfach.

Auch beim Lesen: Das Igitt bleibt nicht aus. Doch gibt es etliche lustige Szenen, z.B. als ich lernte, dass ein Furz normalerweise einen Anfang und ein Ende hat. Wusste ich zwar unterbewusst, aber hier erfuhr ich es schwarz auf weiß. Es kommt ja nicht immer vor, dass man richtig laut lachen muss, beim Lesen.

In einem Punkt bin ich mir ganz sicher: Feuchtgebiete ist kein pornografisches Werk. Denn das, was die Pornografie ausmacht, das blieb bei mir zumindest aus: nicht der Ansatz einer Erektion. Trotz all der anschaulichen Schilderungen diverser sexueller Praktiken. Das war bei dem Film übrigens genauso. Er war keineswegs zurückhaltend. In der Szene, in der vier Pizzabäcker (im Buch sogar 5, vielleicht war kein 5. Schauspieler dafür bereit?) auf eine Pizza onanieren, weil die Bestellerin zu oft gemeckert hat. Helens Kommentar: "Vergewaltigungsfantasien. Normal!" Man sieht tatsächlich kurz die steifen Schwänze (30 mal, das Wort), die von ihren Trägern munter bearbeitet werden. Wundert mich, dass das die FSK passiert hat.

Ich denke Mal, Charlotte Roche hat es einen Riesenspaß gemacht, allen möglichen Ekelskram auf die Spitze zu treiben. Das ist ihr gelungen. Ob dahinter wirklich Aufklärung steckt, der Wunsch übertriebene Hygiene ad absurdum zu führen oder sexuelle Tabus zu brechen, wie manche 5er Rezensionen darlegen, sei dahingestellt. Darüber will ich gar nicht erst spekulieren. Kann sein, muss nicht sein.

Insgesamt bewundere ich den Mut, den Charlotte Roche hatte, ein solches Wert zu veröffentlichen. Sie hat damit fast so etwas wie einen Kaufrausch ausgelöst, trotz der Anfeindungen kann man es gar nicht anders sagen: Sie hatte einen riesigen Erfolg damit. Und das imponiert mir.

Vielleicht ist jemand neugierig, wie viele Punkte die Feuchtgebiete von mir bekommen werden. Ich muss zugeben, da bin ich mir noch gar nicht schlüssig. Das Buch wirkt ja noch nach. Auch das ist nicht immer selbstverständlich. Keine Ahnung, wie Ohrenschmalz, Schlaf in den Augenlidern und Sperma schmecken. Will ich das wissen? Muss ich das wissen? Bei Pobel zumindest weiß ich es.

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