Sonntag, 31. Mai 2015

Praxis - Tod in der Tiefkühltruhe


Ich fahre öfter mit dem Rad die Schätzelbergstraße entlang. Sie führt durch ein tristes Gebiet von Kleinindustrie und kreuzt den Teltow-Kanal, heißt hier allerdings schon Komturstraße. Von der Brücke aus hat man einen schönen Blick auf das Ullsteingebäude. Ansonsten macht die Straße eher einen tristen, fast morbiden Eindruck, es beschleicht einen ein leicht beklemmendes Gefühl. Das wird durch den Tempelhofer Park- mit dem Tierfriedhof am Westende noch betont. 



In der Schätzelbergstraße stehen oft riesige LKW herum und polnische Lieferwagen mit Anhängern, die PKWs geladen haben. Dazwischen wird immer wieder einiges an Müll abgeladen, manchmal liegen da Berge von Plastiktüten oder Bauschutt. Illegale Entsorgung, nicht selten in Berlin.

Kürzlich stand dort eine alte Tiefkühltruhe, gut zwei Meter lang. Diese Truhe erinnerte mich sofort an die seltsame Geschichte von Frau K.

Zu Praxiszeit fuhr ich ebenfalls gerne mit dem Rad zur Arbeit. In der Gottlieb-Dunkel-Straße gab es ein Kiosk. Das hatte immer einen Kundenstopper mit der Schlagzeile aus der BZ auf dem Bürgersteig stehen.

Eines Morgens stand da: „Berlinerin bringt sich in einer Tiefkühltruhe um“.

‚Absurd‘, dachte ich mir und fuhr vorbei.

Mindestens dreimal in der Woche kam damals Frau D. K. in die Sprechstunde, eine alte Dame mit vielen chronischen Beschwerden. An diesem Morgen fragte sie mich, ob ich von dem Selbstmord in der Tiefkühltruhe gehört hätte. Ich war verwundert, dass sie sich für so etwas interessierte und antwortete, ich hätte gerade so eine Schlagzeile an einem Kiosk gelesen.


Da sagte Frau K.: „Das war meine Tochter.“


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