Dienstag, 16. Juni 2015

Produktiver Nachtdienst

Dienstag, 16. Juni 2015

Gestern Nachtdienst in Spandau. Es war recht ruhig, ich konnte den Rest der Flickr-Alben zum Berliner Stadtschloss fertig stellen, außerdem einiges Lesen. Bin immer noch an Steffen Möller, "Viva Polonia". Diese verrückte automatische Textkorrektur macht andauernd "Pooling" aus "Polonia". Man muss sich das Hirn nach Tricks zermartern, das auszutricksen. Der Möller gestaltet sich was zäh, reiht irgendwie seine polnischen Erlebnisse und Ansichten zusammenhanglos aneinander. Habe auch nicht das Gefühl, dass er mir die polnische Seele wesentlich näher bringt.
  Hatte in der  Nacht fünf Einsätze. Dabei muss ich an dem riesigen Gebäude entlang vom Pförtnerhäuschen, in dem mein Ruheraum untergebracht ist, bis ans andere Ende zur Wache laufen. Letzten Sommer hatte ich dort wiederholt Nachtigallen gehört, oft drei oder vier. Dies sangen diesmal nicht, die Nacht war vielleicht zu kalt für sie zum tirlieren.
  Dafür traf ich auf einen Fuchs, ein Füchslein (aus Füchslein wird Füchsin) eigentlich. Wenn ich die Wache verlasse, muss ich durch ein vergittertes Areal, in das die Fahrzeuge einfahren, die einen Gefangenen bringen. Das ist immer verschlossen, damit der Delinquent nicht abhauen kann. Ein Beamter muss mir demnach aufschließen, auch wenn ich komme. Draußen ist eine Klingel.
  Als er mich nach der ersten Blutentnahme rausbrachte, saß der kleine Fuchs am Gitter. Das ist so breit, dass er leicht hindurchpasst. Er sah mich erwartungsvoll an, ging aber in Deckung, als ich mich näherte. Weiter als drei Meter war er aber nicht von mir entfernt. Ich fragte erstaunt, ob das Tier öfter hier sei, und der Beamte meinte, der käme jeden Tag. Es kam noch eine Beamtin hinzu, die sagte, manchmal wären sie auch zu zweit.
  Als ich gegen Mitternacht nochmals anrücken musste, sah ich den Fuchs schon von Weitem. Er hatte mich auch schon erspäht und verfolgte mein Kommen aufmerksam. Wich kaum zurück, als ich die Absperrung betrat.
  Nach der Blutentnahme hatte ich etwas Zeit, weil mein nächster Fall noch warten musste. Ich ging wieder raus. Der Fuchs war noch da. Ein Beamter warf ihm etwas Käse zu und sagte, von einigen Kollegen würde er auch aus der Hand fressen. Vor mir sei er jetzt scheu, weil er mich nicht kenne. Er sei wahrscheinlich auf das Blau der Uniformen fixiert.
  Es kämen wären auch schon andere Tiere vorbeigekommen, so Wildschweine, Waschbären und einmal sogar ein Reh. Das käme von dem nahe gelegenen Schanzenwald. Die Tiere hätten eben nicht mehr ihre natürliche Scheu.
  Der Fuchs war wohl ein Jugendlicher, ziemlich schmal, hatte aber glattes Fell. Ein schönes Tier. Den Käse gönne ich ihm, der Impuls war auch bei mir schnall da, das Tierchen zu versorgen. Nur ist es wahrscheinlich wenig sinnvoll, solche Wildtiere zu domestizieren.

 Wen's interessiert noch meine Einsätze:
 Ein Zweimetermann mit Rückenproblemen, Anfang 40, wirkte sehr differenziert. Auf Nachfrage: Verhaftet wegen Wirtschaftskriminalität. Konnte mit Schmerzmitteln bleiben. Schien mir dankbar für die Hilfe.
  Ein Mann Mitte 50, sehr merkwürdiges Verhalten, verwahrlost, trug nur einen Socken, wirkte benommen. Vitalwerte alle in Ordnung, eigentlich verwahrfähig. Er kam mir so merkwürdig vor, dass ich ihn nach einigen Minuten nochmals befragte. Er gab dann unumwunden zu, dass er eine Schizophrenie habe in Betreuung seit. Solche Leute tun mir eigentlich automatisch Leid, weil diese Psychose mit das übelste ist, was einem Menschen im Leben widerfahren kann. Rücksprache mit dem SpD (Sozialpsychiatrischer Dienst): Sie kannten ihn und übernahmen ihn in ihre Obhut - brauchte also nicht in der Zelle zu bleiben.
  Zwei Männer im Entzug, ein russischer Boxer auf Heroin ohne Deutschkenntnisse. Ein Beamter konnte zum Glück übersetzen. Ein Afrikaner, der nur Französisch sprach ohne festen Wohnsitz (ofW) im Alkoholentzug. Beide nicht so schlimm, konnten mit Tabletten bleiben.
  Es kam noch ein dunkelhäutiger Mann zur Blutentnahme. Konsumiert Gras und Kokain. Er sprach 1A Deutsch. Er unterstellte mir sofort Rassismus, als ich mir erlaubte, mich nach seinen Wurzeln zu erkundigen. Es kam zu einer kleinen Debatte, auch mit den Beamten, wieso mitmenschliches Interesse gleich so negativ ausgelegt wird. Als hätte mich in meinen Fernreisen nie jemand gefragt, woher ich käme. Es interessiert mich einfach, was die Leute oder ihre Eltern nach Deutschland verschlägt, und ich finde es albern, so zu tun, als falle mir fremdes Aussehen nicht auf. Ich sehe in den Zuwanderern grundsätzlich eine Bereicherung. Im Laufe des Gesprächs schien er mir diese Haltung abzunehmen.
  Denke aber, in Zukunft halte ich die Klappe. So wichtig ist mir das auch nicht.

Und damit auch dieser Post nicht ohne Bild bleibt: Am Samstag war ich zu einer Fortbildung für Unterricht in Altenpflegeschulen. Es gab viele interessante Gesichtspunkte. Die Veranstaltung fand im Diakonie-Verein Zehlendorf statt. Die haben sehr schöne Gebäude und einen idyllischen Park.



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