Mittwoch, 7. Februar 2018

Der Dodo-Braten

Abbildung aus Wikipedia

Klar hatte auch ich mitbekommen, dass der Dodo wiederentdeckt worden war. Dieser riesige Vogel, wissen Sie? Ein Meter groß mit einem Schnabel von zwanzig Zentimetern. Dieses Gedöns, das da veranstaltet wurde – die einen glaubten an seine Identität, andere bestritten sie. Paläogenetiker wurden bemüht, aber auch die waren sich uneins. Manche hielten das Tier für eine spontane Neumutation, die diesem alten Vieh irgendwie ähnlich sah. Andere wollten die lückenlose Erbfolge nachweisen können.

Mir ging diese Diskussion eher auf den Geist. Eine Tierart mehr oder weniger, was sollte das. Viecher sterben aus, Viecher entstehen neu. So war das schon immer. Den toten nachtrauern bringt nix, grad wenn das schmerzliche Ereignis schon über dreihundert Jahre her ist. Und sich über die neuen freuen, das kann voreilig sein. Man weiß ja nie, ob da nicht unangenehme Rabauken das Licht der Welt erblickt haben.

Großer Besuch ist angesagt. Tochter, Schwiegersohn und Enkelkinder kommen. Carla und Carlo, Zwillinge. Nun ja, vielleicht hätten wir bei der Namensgebung doch reinreden sollen? Aber das ist jetzt zehn Jahre zu spät. Kommen Donnerstag, fahren Montag früh. Sonntag ist ein Festmahl vorgesehen. Und, was soll es geben? Meine Frau Lilo hatte die Idee und ließ sich nicht abbringen: Dodo-Braten.

So weit war es gekommen. Der Dodo war DIE kulinarische Sensation. Nachdem die ersten neu entdeckten Federviecher auf Round Island in der Pfanne gelandet waren, schlug die Bombe ein unter den Feinschmeckern. Round Island, gerade mal zwei Kilometer lang, Nebeninsel von Mauritius im Indischen Ozean. Von dort her kommen sie, die Riesenhühner. Hatten in irgendwelchen Spalten und Höhlen überlebt. Sie kamen auch nach Deutschland. Brandenburg – Dodo-Farm. Nun konnte auch ich sie nicht mehr ignorieren. Gar nicht mehr. Denn ich musste dort hin. Nach Brandenburg, nicht nach Round Island. Vier oder fünf besorgen.

Nicht, dass Sie jetzt denken, meine Familie bestände nur aus Vielfraßen. Fast zwei Zentner Geflügelfleisch putzen auch wir nicht weg an einem Wochenende. Doch Lilo besteht darauf: Es müssen Küken sein. Hat noch nie einen ausgewachsenen Dodo gegessen, fährt aber voll auf das Gerücht ab, die Küken schmeckten am allerbesten. Obwohl sie das gleiche kosten wie ein erwachsener Zwanzig-Kilo-Dodo.

Und dann auch noch lebend. Schlachten gerade mal fünf Minuten vor der Zubereitung. Mit dem Kombi hin, nach Bandenburg, gut eine Woche vor dem Besuch. Unterwegs im Bauhaus noch Kaninchenzaun geholt. Zehn Meter 6,22 €, und dazu vier Stangen. Damit baue ich ein provisorisches Gehege, zweifuffzig mal zweifuffzig. Muss halt reichen, die paar Tage. Fliegen können sie ja nicht, das ist schon günstig. Ungünstig dagegen ist ihr Futter. Sehr wählerisch, die Biester. Fressen nur die Samen der Flaschenpalme. Und es gibt sie nur als Zehnkilosack. Nochmals der gleiche Preis wie die Exoten selber. Doch an diesem Wochenende gilt: Nur das Beste für die Familie.

Auf dem Rückweg höre ich die Kleinen im Karton herumscharren – jedes nicht größer als ein Bankiva-Zwerghuhn. Luft kriegen sie durch die paar Löcher. Sehen sollen sie erst mal nicht viel. Das beruhigt sie. Ganz ruhig sind sie nicht. Sie scharren und sie gurren. Ja, sie gurren. Gurren wie Tauben – aber eben nicht nervig. Das hat mich schon verwundert. Es klingt tief, sehr tief, fast wie ein Brummen. Angenehm, das muss ich sagen. Ungemein beruhigend.

Die Rückfahrt ist entspannt wie selten. Das gibt’s doch nicht. Nichts regt mich auf – kein Laster, kein Raser. Nö, zum ersten Mal ordne ich mich hinter einem LKW ein. Schleiche mit Achtzig nach Hause. Damit ich möglichst lang etwas von diesem Gurren habe. Wer weiß ob sie im Hellen weiterschnurren. Ja, das Dodoküken-Gebrumm hat etwas vom Schnurren einer Katze.

Zu Hause die Stangen in die Erde, den Zaun darum gezogen. Lilo hilft mit. Wir setzen den Karton rein, heben den Deckel. Die zehn großen Augen blinzeln in die Berliner Frühjahrssonne und dann wuchten sich die kleinen Dodos unbeholfen über den Papprand. Meine Befürchtung war unnötig. Die Dodos brummen weiter. Im Gegenteil, ihre Äußerungen werden lauter und irgendwie harmonischer. Wie ein russischer Männerchor – mit gaanz tiefen Bässen. Mir läuft das Herz über, und ich merke, Lilo bleibt auch nicht unberührt. Doch sie als zukünftige Dodoküken-Verwerterin darf sich natürlich nichts anmerken lassen.

Nun ja, ein paar Tage haben die Tierchen Galgenfrist. Obwohl das gar nicht vorgesehen war: Ich baue ihnen ein Häuschen. Damit sie einen Unterschlupf haben. Sind ja Höhlentiere. Lilo schimpft. Ich soll sie nicht verwöhnen. Doch die Küken danken mir mit Gurren. Sind die süß: Der große Kopf, der knallgelbe, gebogene Schnabel, der wie ein Warnschild aufblinkt. Und dazu die farblich passenden Krallen. Und zutraulich sind sie. Kaum dass ich aus der Tür rauskomme, drängeln sie sich an die Ecke ihres Geheges, die mir am nächsten ist. Gurrend begrüßen sie mich. Ich kann nicht anders, ich muss sie streicheln. Und sie danken es mir mit ihrem russischen Männergesang. Und Lilo wieder: ich soll sie nicht verwöhnen.

Gehe ich am Gehege vorbei zum Kompost, laufen sie wie die aufgeregten Hühner neben dem Zweifuffzig-Zaun her, bis in die nächste Ecke. Entferne ich mich, wechselt ihr Gurren von Bass zum Tenor, aber glauben Sie mir, keine Spur unangenehmer. Sie bleiben in der Ecke, bis ich mich wieder nähere. Bin ich bei ihnen, brummen sie wieder. Ich tätschle sie. Sie gehen in die Hocke, spreizen die Flügel und lassen sich zwischen den Schulterblättern kraulen. Eher wie ein flauschiges Fell fühlen sie sich dort an, die flaumweichen Federn. Vorbeugend werfe ich einen Blick zum Fenster: Lilo soll das nicht allzu oft mitbekommen.

Das gibt’s doch nicht. Die Kleinen können doch nicht nur von diesen Flaschenpalmensamen leben! Telefonat mit Brandenburg. Ja, es gibt Leckerlis, Eier vom Taggecko Güntheri. Kosten ein Vermögen. Doch die Kleinen sollen es gut haben, ihre letzten paar Lebenstage. Mit einer Ausrede mache ich mich auf den Weg, greife tief in die Tasche und kaufe 25 Stück. Für jeden Tag und jedes Huhn eines. Das werden teure Dodo-Braten.

Dann kommen die Kinder und die Enkel. Große Freude auf allen Seiten. Übergroße Freude bei den Kids, als sie die Dodos entdecken. Entsetzen, als sie erfahren, dass das das Sonntagsmahl ist. Heftige Diskussionen. Zumal die Zwillinge gerade erst ihre Zwergwidder bekommen haben. Hoppel und Poppel. Und ruckzuck haben auch unsere baldigen Leckerbissen ihre Namen weg: Anton, Berti, Conni, Det, Edi. Das sind die Mainzelmännchen. Carla, die überzeugt ist, mich immer und in jeder Angelegenheit um den Finger wickeln zu können, will mich überreden, noch ein sechstes Küken zu kaufen, damit sie das Fritzchen nennen können. Dann wären die Mainzelmännchen vollzählig. Als ich entgegne, dass das doch keinen Zweck hat, weil wir die eh bald aufessen, bricht sie in Tränen aus. Doch sie heult nicht lange, sondern schreit voller Zorn: Wenn du die schlachtest, dann bist du nicht mehr mein Opa.

Das sitzt. Dass ich es bin, der den Tierchen den Kopf abhacken wird, das habe ich bis zu diesem Moment komplett verdrängt. Mir wird ganz anders. Trotzdem, ich muss ja sachlich bleiben. Hörmal, sage ich. Diese Dodos, die sind doch nur deshalb am Leben, damit wir sie essen. Würden wir sie nicht essen, würde kein Mensch auf der Welt die überhaupt züchten. Dann gäbs die gar nicht.

Ich weiß nicht, ich glaube, sehr überzeugend habe ich nicht gewirkt.

Jedenfalls gibt es in den paar Tagen bis Sonntag nur ein Thema, das ist mir schon klar. Der Braten. Das Schlachten. Die Kinder beäugen mich wie ein Monster. Der Tierkinder-Killer. Der Schlächter von Reinickendorf. Ein alter Mann, dem alles Übel zuzutrauen ist. Ganz klar, ich habe meinen Status als Lieblingsopa verspielt. Und dann das vehemente und eindeutige Statement: Die Kinder werden am Sonntag nichts, aber auch gar nichts von den Dodos anrühren. Nein, nichts werden sie essen, keine Bratensauce, die sowieso nicht. Aber auch keine Prinzessböhnchen, keine Rosmarin-Linda-Kartoffeln, gar nichts. Nicht einmal Nachtisch. Auch den nicht. Und nicht nur das, sie fangen mit ihrem Hungerstreik sofort an. Heute. Am Freitag.

Die Eltern reden ihnen zu, Lilo redet ihnen zu. Sie müssen doch was essen. Sie würden schließlich auch Wurst, Schinken, Schnitzel und Brathähnchen essen. Ob sie nicht wüssten, wo die herkommen. Ich halte mal lieber die Klappe. Ich merke sowieso, die Argumente fruchten überhaupt nichts. Es gipfelt alles mit dem Resultat, dass unsere beiden Enkel ab sofort Vegetarier sind.

Vegetarier. Warum nicht? Mir tun die Dodos doch auch leid. Werde ich es tatsächlich übers Herz bringen, denen den Hals abzuschneiden? Das Gurren, Schnurren und russischen Bässe wie Tenöre für immer abwürgen? Will ich das? Kann ich das?

Die Gedanken kreisen weiter. Ob Dodos oder sonstige Hühner. Geflügel, Schweine, Rinder, Ziegen oder Schafe. Alle wollen die leben. Alle schlachten wir sie erbarmungslos. Unter die Gedanken, ob ich wirklich Fleisch essen muss, mischen sich Rettungsfantasien. Die Mainzel-Dodos leben lassen. Selber züchten. Brandenburg Konkurrenz machen. Wohltuendes Gurren von morgens bis abends.

Ich überlege hin und her, vor und zurück. Die Gedanken mal diffus, dann wieder konkret. Sie werden klarer und deutlicher, und ich werde wacher und wacher. Na klar, ich liege hier im Bett. Habe gerade den abstrusesten Traum der letzten zwanzig Jahre hinter mir.

Aber seine Botschaft – ist die nicht eindeutig?

Ich denke drüber nach, jetzt wo ich wach bin. Warum nicht Vegetarier werden. Es soll phantastische Gerichte geben. Stellen jede Dodo-Brust in den Schatten.

Doch bin ich überhaupt wach? Ich höre sie doch noch gurren, die Dodos. Aber nein, es ist Lilos gleichmäßiges Schnarchen, wissen Sie!

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Erstvorstellung dieses Textes am 6.2.2018 auf der "Offenen Lesebühne" im DODO, Berlin.

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